Anders wohnen im Alter

Ein Vortrag über die Chancen gemeinschaftlicher Wohnformen

Auf Einladung des Seniorenbeirates referierte am Dienstag den 06.11.2018 im Rathaus
Dr. Josef Bura, 1. Vorsitzender des Forums Gemeinschaftliches Wohnen e. V. aus Hannover über das Thema  „ Anders wohnen im Alter“

In seiner Einleitung erinnerte Norbert Moser als Vorsitzender des Seniorenbeirates daran, dass das Thema Wohnen der älteren Menschen fortwährend einen breiten Raum in der Arbeit des Seniorenbeirates einnimmt.

„Man braucht ein Dorf um ein Kind großzuziehen und man braucht ein Dorf um alt zu werden“

Ein Leitsatz, um den Dr. Bura seinen Vortrag aufbaute.

Gemeinschaftliche Wohnformen gab es schon in der Vergangenheit. Die Beginenhöfe für Frauen und die noch heute vorhandenen Wohnungsgenossenschaften nannte Dr. Bura. Wohnungsgenossenschaften haben damals wie heute durch bauliche Selbsthilfe gemeinschaftliche Siedlungen errichtet, um preiswerten Wohnraum bereitzustellen. Insbesondere in Zeiten explodierender Mieten sind Wohnungsgenossenschaften eine anerkannte und geschätzte Alternative.

Wohnen bekommt im Alter eine besondere Bedeutung. Wohnen ist im Alter vielmehr als nur Unterkunft. Für Dr. Bura gibt es zwei Möglichkeiten wie man im Alter wohnen kann. Entweder in einer gemeinschaftlichen Wohnung, einem Wohnprojekt oder aber durch Umgestaltung eines bisherigen Wohnfeldes.

Die Menschen werden heute deutlich älter. Daraus folgt, dass man das Leben nach Renteneintritt intensiver gestalten muss als vormals. Man sollte nach Möglichkeiten suchen, um auch im Alter am allgemeinen Leben teilhaben zu können. Dazu können Nachbarn, Freunde und Vereine einen wichtigen Beitrag leisten.

Wenn man in seinen eigenen vier Wänden alt werden will, muss man sich in seinem Umfeld auf verschiedenen Ebenen engagieren. Umfragen zufolge wollen die wenigsten älteren Menschen eine Unterbringung in einem Heim. Die Heimunterbringung macht die Menschen einsam und arm, so Dr. Bura. Das Ziel sollte sein, so lange wie möglich selbstständig zu leben, sozial integriert und selbstbestimmt zu sein.

Die Familie ist der größte Pflegedienst der Nation. Sie erspart dem Staat sehr viel Geld. Dieses System fängt jedoch an zu schwächeln. Es gibt immer mehr Ältere und weniger Jüngere. 5,2 Milliarden Euro pro Jahr kostet es, wenn die älteren Menschen ins Heim gehen, so Dr. Bura. Davon zahlen die Heimbewohner und die Sozialsysteme jeweils die Hälfte.

In seinem weiteren Vortrag erläutert Dr. Bura, warum vor allem ältere Menschen Projekte gemeinschaftlichen Wohnens brauchen. Der soziale Zusammenhalt der Generationen wird heute mehr und mehr brüchig. Sehr häufig leben die Kinder mit den Enkelkindern, oft berufsbedingt, weit weg von der Elterngeneration.

Die gegenseitige Unterstützung wird immer schwieriger. Ältere können dann in familiären Krisen die junge Generation bei der Betreuung ihrer Kinder nicht unterstützen und die Jüngeren ihre alt werdenden Eltern nicht, wenn sie hilfsbedürftig werden.

Es ist nach Meinung von Dr. Bura daher nicht verwunderlich, dass ältere Menschen im Angesicht des demografischen Wandels und des Zusammenbrechens des klassischen Familienzusammenhaltes nach neuen, wahlfamiliären Zusammenhängen suchen.

Ein gemeinschaftliches Wohnprojekt ist ein Weg. Jeder hat seine eigene Wohnung mit eigener Haustür. Neben der eigenen Wohnung gibt es Gemeinschaftsflächen und Räume, die multifunktionell nutzbar sind.

Das Zusammenleben mit Anderen in einem Wohnprojekt ist aber auch ein Balanceakt zwischen Nähe und Distanz. Für ältere Menschen ist gemeinschaftliches Wohnen eine Form der Selbsthilfe fürs Älterwerden und ein aktiver, erfolgversprechender Schritt gegen drohende Einsamkeit.

In einem Wohnprojekt kann jeder auf vielfältige Weise seinen Beitrag zum gedeihlichen Zusammenleben beitragen. Das reicht von der Organisation der Freizeitaktivitäten bis zur Unterstützung in Notfällen. In einem Wohnprojekt sollte man generell offen und tolerant sein.

Dr. Bura vergaß auch nicht den Hinweis, dass ein gemeinschaftliches Wohnprojekt nun keineswegs die Insel der Glückseligkeit darstellt. Der Erfolg eines solchen Projektes hängt entscheidend von den Mitmenschen und einem selbst ab.

Am Ende seines Referates berichtet Dr. Bura über ein erfolgreiches Wohnprojekt in Horst im Kreis Steinberg. Dabei machte er deutlich, dass die Kommune der Schlüssel für ein Gelingen der Projekte darstellt. Die Hilfe der Kommune sei unabdingbar, wenn etwa milieubildende Gebäude, wie eine alte Schule oder ein unbenutztes Pfarrhaus in einer Gemeinde für ein Wohnprojekt umgenutzt werden sollen.

Im Anschluss beantwortete Dr. Bura Fragen der Besucher, die im Wesentlichen die praktische Umsetzung von Wohnprojekten zum Inhalt hatten.